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Erlaubnis zu träumen

Wie finde ich heraus, was mich erfüllt?

Das Ikigai-Modell, fünf Fragen für Zettel und Stift – und ein erster Schritt, der klein genug ist.

28.09.2026 · 6 Min. Lesezeit

Journal, Stift und Tee – herausfinden, was mich erfüllt

Neulich saß ich mit einer Freundin zusammen. Sie hat vor Kurzem ihren Job gekündigt, weil er sich nicht mehr richtig anfühlte. Ich habe sie gefragt, ob sie sich vorstellen könnte, sich selbstständig zu machen. Ihre Antwort kam sofort: „Ja, aber ich weiß ja gar nicht, mit was."

Fünf Minuten später hatten wir drei Geschäftsmodelle auf dem Tisch.

Nicht, weil ich besonders kreativ war. Sondern weil ich einfach gefragt habe, was sie eigentlich gerne macht. Sie kocht fantastisch. Sie backt. Sie ist handwerklich begabt. Sie hat ein Händchen für Pflanzen. Und während sie von ihrem veganen Kuchen erzählte und von den Nähkursen, die sie geben könnte, hättest du das Leuchten in ihren Augen sehen sollen.

Dieselbe Frau, die fünf Minuten vorher gesagt hatte, sie wisse ja gar nicht, womit.

Du hast keinen Mangel an Ideen. Du hast dir nur nie erlaubt, sie zu Ende zu denken.

Die Erlaubnis kommt vor der Antwort

Die meisten von uns suchen nach der Antwort, bevor sie sich die Frage überhaupt erlauben. Wir überspringen den Teil, in dem wir einfach mal laut denken dürfen – und landen direkt bei: „Aber davon kann man nicht leben." „Aber dafür bin ich zu alt." „Aber was sollen die anderen denken?"

Und dann? Dann haben wir keine Idee. Nicht, weil keine da wäre. Sondern weil wir jede Idee erschossen haben, bevor sie den ersten Atemzug machen konnte.

Das Schöne daran, und das darfst du dir wirklich merken: Deine Gedanken und deine Träume gehören erstmal nur dir. Niemand muss davon wissen. Niemand kann sie dir ausreden, schlechtreden oder für ein Luxusproblem erklären, solange sie in deinem Kopf und auf deinem Zettel sind. Du gehst kein Risiko ein, wenn du einen Gedanken denkst.

Das ModellIkigai – das, wofür es sich zu leben lohnt

Ikigai ist eine japanische Lebensphilosophie. Übersetzt heißt das ungefähr „das, wofür es sich zu leben lohnt" – der Grund, aus dem du morgens aufstehst.

Das westlich geprägte Venn-Diagramm verbindet dafür vier Fragen: Was liebe ich? Worin bin ich gut? Wofür werde ich bezahlt? Was braucht die Welt? In der Mitte der vier Kreise liegt das Ikigai – der Punkt, an dem Freude, Talent, Sinn und Einkommen zusammenkommen. Wo sich je zwei Kreise überschneiden, entstehen Leidenschaft, Mission, Berufung und Beruf.

Was du liebst Worin dugut bist Was die Weltbraucht Wofür dubezahlt wirst Leidenschaft Mission Beruf Berufung IKIGAI
Das Ikigai-Modell als Venn-Diagramm. Leidenschaft, Mission, Berufung und Beruf entstehen in den Überschneidungen.

Zum Ursprung: Das Vier-Kreise-Diagramm ist eine westliche Interpretation und geht auf ein Schaubild des spanischen Kosmologen Andrés Zuzunaga zurück. Das traditionelle japanische Konzept ist breiter gefasst und wird vor allem im Alltag gelebt. Ken Mogi nennt „klein anfangen" als erste seiner fünf Säulen – der Kaffee am Fenster zählt genauso wie der große Plan.

Ikigai ist das, wofür es sich zu leben lohnt. Und es fängt klein an.

Zettel und Stift – die vier Fragen aufschreiben
Ein Zettel, ein Stift und eine halbe Stunde. Mehr braucht es nicht für den Anfang.

Die ÜbungFünf Fragen für Zettel und Stift

Nimm dir einen Zettel, einen Stift und eine halbe Stunde, in der dich niemand stört. Die vier Fragen aus dem Modell – und eine fünfte, die mir persönlich die wichtigste ist.

Schreib, ohne zu bewerten. Kein Satz muss klug sein. Niemand liest mit.

Was mir geholfen hatNeugierig hinschauen statt hart suchen

Ich habe das für mich nicht in einem Geistesblitz gefunden. Ich habe mich hingesetzt, mit meinem Journal, immer wieder. Ich habe mir die Erlaubnis gegeben, zu schreiben, was da ist, auch wenn es unvernünftig klang. Ich habe Fragen gestellt und bin neugierig geblieben, statt sofort zu urteilen.

Und ich habe mich überraschen lassen. Das ist der Teil, den ich dir am meisten wünsche. Es kommt selten das, was du erwartet hast.

Wenn du tiefer einsteigen willst: Ikigai – Die japanische Lebenskunst von Ken Mogi ist ein gutes, unaufgeregtes Buch dazu.

Und dann?Reifen lassen. Erzählen. Einen winzigen Schritt gehen.

Jetzt kommt das ehrliche „ja, aber": Und dann habe ich diesen Traum – und dann?

Dann passiert erstmal nichts. Und das ist richtig so.

Ein Gedanke darf reifen. Du musst ihn nicht am nächsten Morgen umsetzen, du musst deinen Job nicht kündigen und du musst niemandem etwas beweisen. Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut. Du säst den Gedanken und schaust, ob er im nächsten Monat noch da ist.

Drei Dinge helfen dabei:

Es geht gut aus

Meine Freundin hat nach diesem Abend nichts gekündigt, nichts gegründet und keine Website gebaut. Sie hat sich erlaubt, den Gedanken zu denken. Das war alles.

Und trotzdem war sie beim nächsten Mal eine andere. Nicht, weil sich etwas in ihrem Leben verändert hatte. Sondern weil sie wusste, dass da etwas ist. Dass sie nicht ideenlos ist. Dass sie etwas zu geben hat.

Genau da fängt es an. Nicht beim großen Plan. Bei der Erlaubnis.

Du musst nicht herausfinden, was dich erfüllt. Du musst dir nur erlauben, es zu Ende zu denken.

Alles Liebe, Alisa


Erst die Stille, dann die Antwort

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